244,5 km FAI-Dreieck mit dem EN-A-Schirm AONIC 2

Auf den Spuren von Toni Brüggers Weltrekord
244,5 Kilometer. Geschlossenes FAI-Dreieck. Und das mit einem EN-A-Schirm. Am 25. Mai gelang Urs Haari vom Startplatz Galfera in Fiesch einer der weitesten Flüge, die je mit einem anfängertauglichen Gleitschirm dokumentiert wurden. Möglich machten es aussergewöhnliche Bedingungen, wenig Wind, eine hohe Wolkenbasis – und die Erkenntnis, dass auch weite Streckenflüge nicht zwingend von der Schirmklasse abhängen. Hier erzählt Urs die Geschichte eines aussergewöhnlichen Flugtags auf den Spuren von Toni Brüggers Weltrekord.

Nach einer zweijährigen Flugpause – ich hatte meine Freizeit inzwischen fast vollständig gegen Kite-Foil eingetauscht – konnte ich der Wetterprognose für das Wallis nicht mehr widerstehen. Also pilgerte ich kurzerhand ins Mekka der Streckenfliegerei.

Wegen der langen Anreise wollte ich das Abenteuer nicht alleine angehen und kontaktierte Dieter. Seine erste Reaktion war eine Absage. Mit seinem Zeolite fühlte er sich für die Bedingungen im Wallis nicht ausreichend trainiert. Mit einem Alpina 5 wäre er hingegen sofort dabei gewesen – nur war dieser noch nicht geliefert.

Mein Vorschlag, stattdessen einen MENTOR 7 zu fliegen, stiess zunächst auf Zustimmung. Zehn Minuten später folgte allerdings der Rückruf: Nach einer Gewichtskontrolle stellte Dieter fest, dass er inzwischen eher in der Schwergewichtsklasse unterwegs war. Die passende Grösse war nicht verfügbar, also blieb nur noch der AONIC 2.

Ein EN-A-Schirm.

Nach längeren Diskussionen liess er sich schliesslich überreden. Meine Behauptung, ich würde damit einen 230-Kilometer-Flug machen, hielt er zwar für masslos übertrieben. Mitkommen wollte er trotzdem.

So reisten wir am Sonntag ins Goms, genossen einen entspannten Abend und standen am Pfingstmontag früh bei der Talstation in Fiesch. Dort schoss unser Puls allerdings sofort in die Höhe: Die Bahn auf den Kühboden befand sich in Revision. Für einige Minuten sah es so aus, als würde der Traumtag enden, bevor er begonnen hatte.

Nach kurzem Hin und Her fanden wir dennoch den Weg nach oben.

An der Galfera herrschte erstaunliche Ruhe. Wir teilten uns den Startplatz an diesem Hammertag zu dritt. Über uns kreisten bereits die ersten Cracks von der Riederalp herüber. Anstatt die Aussicht noch ein bisschen zu geniessen, kam nun auch bei uns Hektik auf.

Kurz darauf waren auch wir in der Luft.

Das Goms hinauf lief wie am Schnürchen. Der Spitzenpulk war längst ausser Sichtweite, wir folgten mit unseren fliegenden Garagentoren in respektvollem Abstand. Ringsum vollverkleidete Gurtzeuge, hochgestreckte Rennmaschinen und jede Menge ehrgeizige Streckenflieger. Mittendrin zwei Piloten auf EN-A-Schirmen.

Die Grimsel zeigte sich gnädig, und am Gärstenhorn setzten wir den ersten Wendepunkt. Auf dem Rückweg Richtung Fiesch stellten wir überrascht fest, dass wir mit den Rennboliden deutlich besser mithalten konnten als erwartet.

Dieters Begeisterung am Funk war kaum zu überhören. Mit seinem AONIC 2 in Grösse L hing er zeitweise hinter mir wie ein Schatten und kontrollierte mich in meiner Federgewichtsklasse.

Die Route via Riederalp Richtung Breithorn spulten wir für unsere Verhältnisse in Rekordtempo ab. Zur Mittagszeit querten wir bereits das Lötschental. Dieters Funksprüche wurden zunehmend euphorischer. Ja, er liess sogar verlauten, dass er sich so einen AONIC 2 durchaus vorstellen könne – vorausgesetzt natürlich, er fliege damit ebenfalls einen 200er.

Genau in diesem Moment begann seine Leistung etwas nachzulassen.

Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihm über Funk mitzuteilen, dass ich meine Handbremse nur ungern für ihn anziehen würde. Die Situation regelte sich jedoch von selbst. Wir blieben zwar noch eine Weile über Funk verbunden, verloren uns aber irgendwann aus den Augen.

Was danach folgte, fühlte sich beinahe wie Routine an. Crans-Montana, Glacier Les Diablerets, Pic Chaussy – ein Höhepunkt jagte den nächsten. Schliesslich erreichte ich die zweite Wende am Mont d’Or.

Es war schon ein etwas absurdes Gefühl: Mit meiner gutmütigen Kiste mitten unter all den Rennmaschinen unterwegs zu sein und dabei keineswegs hoffnungslos den Anschluss zu verlieren.

Auch der dritte Schenkel verlief weitgehend nach Plan. Lediglich die Südtäler forderten mit ihrer schwächelnden Thermik etwas Geduld. Einige kleinere Baustellen nagten zwar am Schnitt, doch das angepeilte 230er-Dreieck blieb jederzeit realistisch.

Beim Alphubel zeigte mein Instrument bereits ein FAI-Dreieck von über 240 Kilometern an. Die Thermik war inzwischen kräftig, die Basis beeindruckend hoch und die Luft alles andere als chillig. Mit angelegten Ohren und voll beschleunigt dehnte ich die dritte Wende noch etwas weiter nach Süden aus.

Hier wäre noch deutlich mehr möglich gewesen. Aber irgendwann ist auch gut.

Der Heimweg führte entlang der majestätischen Viertausender zurück Richtung Fiesch. Vorbei am Domjoch, vorbei an unzähligen Erinnerungen – und vorbei an jener Stelle, an der Martin Bühler verunglückte.

Mit guten Erinnerungen an Martin und einer Portion Demut hangelte ich mich von Basis zu Basis weiter Richtung Fiesch. Das Wallis zeigte sich noch einmal von seiner schönsten Seite, bevor ich den Tag mit einem nicht ganz jugendfreien Endanflug und einer Landung kurz vor Fiesch abschloss.

Schön war’s. Anspruchsvoll auch. Wallis halt.

Dieter wird übrigens keinen AONIC 2 kaufen. Sein Flug endete nach einem Spülgang vom Sanetsch Richtung Sion bei respektablen 165 Kilometern. In solchen Situationen wird dann doch recht deutlich, dass unseren Geräten im Vergleich zu den Rennmaschinen ein paar PS unter der Haube fehlen.
Die anfängliche Begeisterung für EN-A-Schirme kühlte im Zuge dieser Erfahrung allerdings wieder etwas ab.

Einige Tage später stellte ich fest, dass mich an der dritten Wende nur wenige Kilometer von Toni Brüggers Weltrekordflug getrennt hatten.

Hätte ich das an der dritten Wende gewusst …

Und ja, ich gebe es gerne zu: So eine gestreckte Rennsemmel mit vollverkleidetem Gurtzeug übt auf mich eine gewisse Faszination aus. Es ist schlicht beeindruckend, den Jungs und Mädels damit beim Fliegen zuzusehen.

Trotzdem werde ich wohl bei meinem bescheideneren Material bleiben.

Für solche Geräte fehlt mir heute die nötige Flugpraxis. Und jünger werde ich auch nicht.

Denn wenn ich mir etwas wünsche, dann möchte ich noch viele Jahre fliegen, möglichst sicher und möglichst unfallfrei.